Wörter und Begriffe

Glossar für Hobbyforscher

Hinter diesem – freilich bescheidenen und noch händisch errichteten – Anfang eines Glossars steht die Idee eines Wikis zur Erforschung und Darstellung der Geschichte in Eschweiler. Zum andern können bereits jetzt plakative Informationen, auch aus dieser Webseite, kombiniert und vertieft werden, z.B. dass die ersten Eschweiler Schultheißen mittels des Rechtsinstituts der un(vor)denklichen Zeiten Freiheiten vom Kölner Domstift erlangt haben.

Bei Interesse an der Mitwirkung nehmen Sie bitte Kontakt zum Bearbeiter auf:
Haro von Laufenberg (oder über Kontaktformular)

Glossar

A

Accidenzien, Akzidenzien,
unregelmäßige, gelegentliche Einkünfte (z.B. Stolgebühren)
Akzise,
Verbrauchssteuer, Binnenzoll, ursprüngl. städtische Verbrauchssteuer (Köln 1206)
Allmende,
Gemeindeflur in einer Gemarkung, Gemeindewiesen, -weiden und -wald; wirtschaftliches Vermögen einer Gemeinde, an dem alle Gemeindemitglieder ein Recht zur Nutzung haben; Gemeinheitsteilung
Antast,
grundherrliche Gerichtsbarkeit, Beschlagnahme von Gütern, Verhaftung von Personen
Assisen, Assisenhof,
lat. assidere beisitzen, im MA Zusammenkunft zur Regelung rechtlicher Angelegenheiten, später Geschworenengericht; die Assisen halten, Sitzungen des Schwurgerichts abhalten

B

Blaukopp,
von rip. blauwen lügen, abschätzige Bezeichnung für einen Anhänger des protestantischen, evangelischen Glaubens; die evangelische Kirche hat zu diesem Begriff irrig andere Deutungen versucht (Prößdorf, Detlev (Hg.) (2002): Blaukopp. Köln: Evang. Kirchenkreis Köln-Mitte)
Busch, Büsch
insbes. im Rhein. der Begriff für Wald, nachdem der Wald seit dem MA fremd geworden war (Plenterwald, Niederwald)

C

Cornel,
Kornel

D

Debent,
Schuldner
Druitgen,
Verniedlichung von Gertrud (Vorname f.)

E

Emolument, pl.: Emolumente,
regelmäßige, in der Höhe schwankende Einnahme aus Besoldung von Staatsbediensteten als auch Geistlichen (Eschweiler Anzeiger, 16. Jan. 1856, S. 1.)

G

Gastwirt,
Betreiber einer nach der preußischen Gewerbeordnung streng unterschiedenen Schank- oder Gastwirtschaft. Unter der Schankwirtschaft figurierte das Unternehmen, das dem gewerbsmäßigen Ausschank von Getränken an Ort und Stelle gewidmet war, unter Gastwirtschaft das der Beherbergung. Das Lokal musste über eine Mindestgröße von 33 qm Fläche verfügen, weshalb die unter staatlicher Aufsicht und Erlaubnis stehenden Zivilrechtsgeschäfte wie Verpachtungen, die in Form von Auktionen stattfanden, bei Gastwirten erfolgten. Trotz Gewerbefreiheit zur Beförderung von Kapitalismus und Industrie behielt sich der preußische Staat für den Betrieb einer Gastwirtschaft eine Konzessionserteilung vor, für die ein von der Behörde anerkanntes Bedürfnis und eine im Sinne der Behörde »klaglose« Führung des Betreibers erbracht werden mussten. Weitergehende Vergnügungen wie Tanzveranstaltungen bedurften jeweils einer obrigkeitlichen Erlaubnis, wie überhaupt jede Betätigung außerhalb der »eigenen vier Wände« und im Grunde auch darin hinein einer behördlichen Erlaubnis bedurfte. Schankwirtschaften wurden i.d.R. nebengewerblich betrieben. Der Ausschank an Angehörige der unteren sozialen Schichten (überwiegend Spirituosen billiger Art wie Korn) fand – außerhalb des Vereinswesens, für das Räumlichkeiten erforderlich waren – auch z.B. in Bäckereien statt.
Gemeinheitsteilung,
Privatisierung von Allmende

H

Hauderei,
wird von einem Hauderer betrieben, Fuhrunternehmen (mit Hunden- und Pferdengespannen, Menschen als Läufer)
Hauderer,
Lohnkutscher, Lohnfuhrmann, Fuhrmann mit eigenem Gespann; im Bereich der Arbeiter-Stadt Eschweiler wurden Kuriere und Fuhren bis in die überwiegende Motorisierung nicht ungewöhnlich mit Hundegespannen durchgeführt, bisweilen dienten sich Menschen als Läufer für Kurier an
Hausnummer,
obrigkeitliche Maßnahme, um die staatliche Kontrolle in den Bereich der häuslichen Privatsphäre auszuweiten; in Dürwiß vergab der Bürgermeister Schmitz laut Ausschreibung im Eschweiler Anzeiger (9. Jg. Nr. 4, Ausg. v. 12.1.1856, S. 2) am 14. Januar 1856 den Auftrag zur Nummerierung sämtlicher Häuser in Dürwiß

I

Industrie,
ursprünglich »Fleiß«
Interdiktionsprozess,
gerichtliches Entmündigungsverfahren

K

Kornel,
Verkürzung aus Kornelius (Vorname m.)
Kreienberg,
rip., Kohleschlackenhalde, Nichtsnutz, in Würselen: Fuselschnaps (Rheinisches Wörterbuch Bd. 4, Sp. 1451); nach A. Gille von Kreie Steine. In Eschweiler sammeln die armen Leute und zu deren Leidwesen auch die Wohlhabenden Singeln auf dem Kreienberg (Eschweiler Anzeiger, 9. Jg. Nr. 4, Ausg. v. Sa. 12. Jan. 1856, S. 4).
Kurmede, Kurmut,
aus kür Wahl und meda Lohn, Miete; Mortuarium, Abgabe an den Grundherren, der das Recht hat, beim Tod eines Lehnsträgers oder Pächters oder bei Besitzwechsel das beste Stück Vieh zu fordern und durch sein Gericht aussuchen zu lassen; die Kurmede kann vom Rechtsnachfolger durch Geldleistung, auch in Form von Vorkur (zweitbestes Stück) und zusätzlicher Geldleistung abgelöst werden; Sonderformen wie der Silberne Pflug erfordern eine Ablöse binnen gewisser Fristen (Ähnlichkeit zur modernen Erbschaftssteuer)
Kuxe,
Anteil an der bergrechtlichen Kapitalgesellschaft/Genossenschaft

L

lic.,
Abkürzung für lat. licentiatus Lizenziat
Licitation,
Auktion, die mindestens zwei Bieter voraussetzt (Puchta, Wolfgang Heinrich (1827): Beiträge zur Gesetzgebung und Praxis des bürgerlichen Rechtsverfahrens. Erlangen. 2. Bd., 174)
Lizenziat,
Inhaber einer akademischen licentia docendi, Erlaubnis zu lehren; an der mittelalterlichen und neuzeitlichen Universität konnte das Lizenziat im Anschluss an das Bakkalaureat, der unterste akademische Grad, erworben werden und stand in der akademischen Würde als Vorstufe zu Magister und Doktor

M

manus mortua,
lat. tote Hand
Marx,
Verkürzung aus Markus (Vorname m.)
Menschengedenken,
Zeit

N

Nachbarn,
Gemeinschaft der örtlich Eingesessenen
Notar,
ursprüngl. Gerichtsschreiber

O

Ortsadel,
bezeichnet »die Heraushebung einer Familie im Laufe von Generationen aus dem Kreis der Familien an einem Ort« (Heiko Steuer (2004): Adelsgräber, Hofgrablegen und Grabraub um 700 im östlichen Merowingerreich)

P

Pinge,
Bezeichnung für die ursprünglich auf oberflächigen Abbau, später allgemein für die auf bergmännische Aktivitäten zurückgehenden Hohlformen im Gelände
Policei(y), Polizei,
mlat. policia Artigkeit; bis in zum Anfang den 20. Jh. hinein gebräuchlich für den obrigkeitlichen Zwang, für Sittenaufsicht und Ordnungsmacht in Staat und Gemeinde, und die dazu erlassenen Maßregelungen, i.S.v. Ordnungsrecht, Ordnungspolitik; auch im und seit dem 19. Jh. insbesondere die körperliche Vollziehung von staatlicher Gewalt gegen die Bevölkerung durch Beamte
Prokurator,
lat. procurator Beauftragter, Geschäftsbesorger, Verwalter; procurator fisci Kammerfiskal, Beamter der die Interessen des Fiskus – auch bei Gericht – vertritt

S

Scholle,
Grundbesitz eines Bauern (i.d.R. Pachtverhältnis mit einem Grundherrn). Die sog. Schollenbindung verpflichtete den Bauern bei seinem gepachteten Grund zu wohnen, den Grundherrn, Grund nur einschließlich der darauf siedelnden Bauern (und Ministerialen) zu veräußern und den Bauern Notschutz zu gewähren; Auslegung nach ökonomischen Interessen mehr oder weniger restriktiv. Nach der sog., lange Zeit euphemistisch bezeichneten Bauernbefreiung, die tatsächlich nicht selten die wirtschaftliche Grundlage von Bauern zerstörte und nur die institutionelle Voraussetzung für die Industrialisierung war, hat der Begriff der Scholle nur noch in der Romantik und in der Heimatidylle (»Der Scholle Getreuer Sohn«, Gedicht von Gustav Schüler) und in der geopolitischen Ideologie der Nazis Verwendung gefunden.
Schultheiß,
aus ahd. sculdheizo Leistung Befehlender, mlat. scul(t)eus Beamter, der obrigkeitliche Gewalt ausübt, teils auch die niedere Gerichtsbarkeit; in Eschweiler wurde das Schultheißenamt mittels des Rechtsinstituts der un(vor)denklichen Zeiten (Zeit) innerhalb von 100 Jahren erblich und schuf damit für die Inhaber den Aufstieg in den Niederadel
Sengele,
rip. Singeln
Servitut,
Dienstbarkeit, dingliches Nutzungsrecht an einer fremden Sache
Singeln,
rip. Sengele Kohleschlacke (Rheinisches Wörterbuch Bd. 4, Sp. 1451). In Eschweiler sammeln die armen Leute und zu deren Leidwesen auch Wohlhabende Singeln als noch brauchbares Brennmaterial aus dem Abraum (Eschweiler Anzeiger, 9. Jg. Nr. 4, Ausg. v. Sa. 12. Jan. 1856, S. 4).
Stundenfrau,
19./20. Jh., weibliche Haushaltshilfe, welche stundenweise beschäftigt wird (Adressbuch für Eschweiler und Umgegend 1925)
Subhastation,
15.-19. Jh., Zwangsversteigerung; Subhastat ist der Versteigerungsschuldner/Pfandschuldner (»Subhastations-Patent« im Eschweiler Anzeiger, 27. Jg. Nr. 75 v. 23.9.1874, S. 3f.)

T

tote Hand,
lat. manus mortua, Recht oder Besitz der toten Hand bezeichnet das Eigentum an in der Regel unbeweglichen Wirtschaftsgütern, welche amortisiert, also dem Privatrechtsverkehr entzogen sind; das Recht der toten Hand entstammt dem Feudalrecht, von wo aus es in das gemeine und besonders in das Kirchenrecht vordrang, und ist dem Fideikommiss ähnlich, im Lehnsrecht sollte es verhindern, dass Lehnsgüter den Lehnsverband verließen

U

unvordenkliche Verjährung, Unvordenklichkeit,
Rechtsinstitut der unvordenklichen Verjährung
un(vor)denkliche Zeiten,
Zeit

W

Weichbild,
vor den Stadtmauern gelegener Bezirk, der jedoch der städtischen Gerichtsbarkeit unterworfen ist; Vorort; im Eschweiler Anzeiger, 9. Jg. Nr. 7 v. 23.1.1856, S. 1, wird die Pariser Banlieue als Weichbild bezeichnet

Z

Zeit,
seit Menschengedenken,
der Eschweiler Anzeiger vom 23. Januar 1856 nennt im Zusammenhang mit der Getreidelieferung aus Schweden 1856 im Hinblick auf die von 1816 (Jahr ohne Sommer) eine Frist von exakt 40 Jahren (Eschweiler Anzeiger, 9. Jg. Nr. 7 v. 23.1.1856, S. 1); im Reichsabschied von 1567, § 105, vernichtet ein- oder zweimalige Besteuerung seit »Menschengedenken« Steuerfreiheit
un(vor)denkliche Zeit(en),
besitzanspruchbegründendes Rechtsinstitut der un(vor)denklichen Zeit
Ziese,
Akzise

Hauderer mit Kutsche vor dem Schankbetrieb und der Hauderei der Witwe Fr. Adenau in der Eschweiler Kochsgasse, 1902

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