Eschweiler Chronik

Neueste Geschichte August 1914 - 1929

1914

Am 1. August erklärt der deutsche Kaiser Wilhelm II. und König von Preußen dem Kaiserreich Russland den Krieg, zwei Tage später auch der Republik Frankreich. Über den Eschweiler Bahnhof rollen die Truppentransporte für den deutschen Überfall auf das neutrale Königreich Belgien, wo deutsche Soldaten die ersten Kriegsverbrechen begehen, und dieser Überfall löst am 4. August die Kriegserklärung Großbritanniens als Garantiemacht für die Neutralität Belgiens aus. Der erste Weltkrieg hat begonnen und wird – obgleich von Kaiser- und Königreichen geführt – der erste industriell geführte Abnutzungskrieg der Geschichte und somit der erste mit Millionen, rund 11 Millionen von Toten sein. Die Garnision aus Eschweiler wird in der Nacht vom 5. auf den 6. August auf die Schlachtfelder geschickt. Im Infanterieregiment 25 leisten auch Jos. Brandt und Mathias Reis Kriegsdienst, und werden gleich am 6. August in der Frühe getötet, nach der Meldung in der Lokalpresse aus der Verlustliste die ersten Eschweiler Kriegstoten. Der nächste Kriegstote aus dem heutigen Eschweiler kommt aus Nothberg und ist der Landwehrmann Jakob Mertens, Landwehrregiment 65. Der Landwehrmann Heinrich Schiffgens aus Weisweiler wird vermisst. Im späteren Verlauf des Kriegs werden die Verlustlisten nicht mehr veröffentlicht. In der Lokalpresse wird die Eschweiler Bevölkerung zu mehr Kriegsbegeisterung aufgerufen. So werde in Eschweiler deutlich weniger geflaggt als anderswo. Die Bevölkerung flüchtet derweil in das Münzgeld, Banknoten und Kassenscheine werden gemieden. Eine Teuerung für Lebensmittel und Verbrauchsgüter setzt in Eschweiler ein. Die Gewerkschaft (bergrechtliche Kapitalgesellschaft) »Zukunft« erklärt, dass sie ihre Preise für Brankohle-Briketts nicht erhöht habe, die Teuerung geht von den Zwischenhändlern aus. In der örtlichen Industrie und im Gewerbe werden Beschäftigte jedoch mit Änderungskündigungen vor die Alternative gestellt: Vergütungskürzung oder Entlassung. Die Stadt Eschweiler legt ein Notprogramm mit 100.000 Mark auf, mit dem Arbeiterfamilien, deren Ernährer in den Krieg geschickt worden sind, mit Lebensmitteln unterstützt werden sollen. Anträge können bei den Armenpflegern der Stadt gestellt werden.

Ab dem 1. September speist das Braunkohlekraftwerk in Weisweiler Strom in das öffentliche Netz ein. Geleistet werden 12 MW.
1915

Die Braunkohle-Industrie Aktiengesellschaft (BIAG) »Zukunft« verlegt ihren Sitz von Köln nach Eschweiler in das Gebäude des früheren Kirschenhofes Ecke Dürener-/Parkstraße.

Die Stadt gibt Bons in 25-Pfennig-Werten für den Erwerb von Lebensmitteln heraus. Die Gutscheine können von jedermann erworben werden, da es wegen der Flucht in das Münzgeld an Kleingeld im Umlauf mangelt. Indes soll auch die durch den Krieg verstärkt notleidende Bevölkerung zur Vermeidung von Unruhen weiter unterstützt werden. Denn drei Viertel der Eschweiler Soldaten sind Industriearbeiter und Eschweiler Arbeiterfamilien haben bereits in der Vorkriegszeit in unwürdigen Verhältnissen und im Vergleich zu anderswo im Reich unter besonders schlechten Bedingungen gelebt; oft mussten sie im Stadtgebiet in ziegenstallähnlichen Hütten hausen – ein Zustand, der teils auch noch für die Zeit in den 1950er Jahren belegt ist. Ende des Jahres eröffnet die Stadt daher auch eine Kriegsküche zur Speisung der armen Leute.
1916
Ernährungswirtschaftlich hat Deutschland den Krieg bereits verloren. Vor Kriegsbeginn importierte das Reich zwei Drittel seines Bedarfs an Lebensmitteln, was durch das kriegsbedingte englische Handelsembargo weggefallen ist. Das Kriegsernährungsamt greift um des »Burgfrieden«, des Kriegskorporatismus zwischen Sozialdemokratie und Kapital willens auch zu drastischen Maßnahmen der Zwangswirtschaft, die allerdings nicht immer den ihnen zugedachten Erfolg erzielen. Die Stadt gibt 1916 anstatt der Bons von 1915 Münzen zu 50 und 100 Pfennigen in minderwertigen Legierungen heraus. Dennoch erreicht die Lebensmittelnot im ganzen Reich mit dem »Steckrübenwinter« 1916/17 einen ersten Höhepunkt und trifft Eschweiler, als Industriestadt Bedarfsgemeinde, besonders hart und in der Stadt insbesondere die Arbeiterfamilien, die sich weder Hamsterfahrten, Korruption noch Schwarzmarkt leisten können. Infolge der Rationierung von Getreide und dem im freien Angebot nahezu völligen Fehlens von Fleischprodukten kommt es 1916 zu einem erhöhten Verbrauch von Kartoffeln und im selben Jahr zu einer Missernte derselben. Im Winter 1916/17 werden in Eschweiler – wie anderswo im Reich auch – Steckrüben, eine Kohlart, anstatt Kartoffeln angeliefert und werden damit insbesondere für die Arbeiterfamilien zum wichtigsten Nahrungsmittel: Steckrübenbrot, Steckrübenmarmelade, Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkoteletts ... Nur fehlt es allgemein am Fett, um die Rüben als Nahrungsmittel zu verwerten und zu einer einigermaßen vertretbaren Alternative zu machen, und dies betrifft wieder überwiegend die wirtschaftlich schwachen Einwohner.
1917

Der »Steckrübenwinter« hält unvermindert an.

Bei der Eschweiler-Ratinger Maschinenbauaktiengesellschaft (ERMAG) wird der Betrieb vollständig auf die Fabrikation von nahtlosen Stahlröhren umgestellt und bis 1919 werden zwei Siemens-Martin-Öfen errichtet.
1918

Am 23. September wird ein Mieteinigungsamt in Eschweiler errichtet. Die Arbeiterställe leiden infolge kriegsbedingt fehlenden Materials unter der Vernachlässigung der ständig notwendigen Reparaturen. Es kommt zur Wohnungsnot bei den Arbeitern und dabei zu »Gegensätzen« zwischen Vermietern und Mietern.

Für »Kaiser, Volk und Vaterland« sind 662 Männer aus dem Gebiet des heutigen Eschweiler auf den Schlachtfeldern gestorben, ungezählte verkrüppelt, verwundet und vermisst, überwiegend Arbeiter. Rund 20 Jahre später werden wieder Eschweiler im Krieg sterben, diesmal für »Führer, Volk und Vaterland«. Gestorben wird aber nicht nur auf den Schlachtfeldern: Die »Spanische Grippe« findet unter der ernährungsbedingt geschwächten Bevölkerung leicht Opfer. In der zweiten Welle der Influenza im Oktober und November 1918 sterben 126 Eschweiler. Traurigster Tag ist der 26. Oktober mit 15 Todesfällen. Von drei Bürgern sind zwei erkrankt und doch verharmlost die deutsche Pressezensur die Influenzawelle zunächst.

Deutschland hat den Krieg nun auch militärisch verloren. Die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff, die das Geschehen an Reichsregierung und Reichstag vorbei bestimmt hat, zieht sich aus der Affäre. Sie überlässt die Kapitulation den im »Burgfrieden« der Reichsregierung beigetretenen sozialdemokratischen Mitgliedern und begründet die »Dolchstoßlegende« von dem im Felde unbesiegten Heere, das von der Zivilregierung verraten worden sei. Dies wird von Rechtskonservativen bis in den Zweiten Weltkrieg und den braunen Epilog rezipiert. Davon lässt sich auch der Hauptmann im Generalstab Walter Model beeindrucken, dessen brutaler »Durchhaltewille« 1944 als Nazi-General für die Allerseelenschlacht im Hürtgenwald und für die Verheerung von Eschweiler verantwortlich sein wird.

Am 9. November wird die deutsche Republik ausgerufen, der Kaiser flüchtet ins niederländische Exil. Am selben Tag um 11 Uhr bildet sich in Eschweiler ein Arbeiter- und Soldatenrat unter dem Vorsitzenden Wienecke. Weitere Mitglieder sind Erich Stein, Joseph Klemmer, Edmund Kiers (Soldatenrat) sowie Richard Nöhlings, Joseph Kuck, Ferdinand Lantzen, Johann Franken und Balthasar Münstermann (Arbeiterrat). In einem Flugblatt betonen die Räte, dass sie keine »russischen Zustände«, wohl aber Sicherheit und Ordnung anstrebten und ihre »berechtigten Forderungen in Ruhe durchsetzen« wollten, und laden die Bürger zu einer Versammlung in die Schützenhalle ein. Die Ernährungspolitik der Stadt wird scharf getadelt und im Zusammenhang mit der »Spanischen Grippe« werden schwere Vorwürfe auch gegen die Ärzte in der Stadt erhoben.
Am 11. November 1918 – Beginn des Waffenstillstands an der Westfront – gründet Bürgermeister (1911 - 1920) Carl Hettlage eine »Bürgerwehr«, nach dem Begriff aus den napoleonischen Freiheitskriegen, indes offiziell zum Schutz gegen Marodeure. Die »Bürgerwehr« wird von »angesehenen Bürgern« geführt, besteht aus »ehrenhaften Bürgern« und soll Plünderungen verhindern; berichtet wird von einem Einbruch ins Lebensmittelamt. »Plünderer« wird von nun an zu einem Kampfbegriff der bürgerlichen Kreise gegen hungernde Arbeiter und insofern 1923 einen blutigen Höhepunkt erleben.
Am 16. November wird das Infanterieregiment 240 in der Eschweiler Kaserne von der Stadtverwaltung feierlich empfangen, zieht freilich am 24. November, wegen der mit den Westmächten vereinbarten Entmilitarisierung des Rheinlands, wieder ab. Aus den Vorräten der abziehenden Garnision lässt sich eine kurzfristige Entspannung bei der Versorgungslage der Bevölkerung erzielen.
Die Stadtverwaltung bringt infolge der Münzgeldhortung und der Metallknappheit im Reich weiteres Notgeld heraus. »Notgeld« ist der Ersatz für Kleingeld-Münzen: Gutscheine mit Pfennigwerten auf Papier. Auf der Rückseite des 50-Pfennig-Scheins erscheint die Devise »Gedenke, dass du ein Deutscher bist«. Die Besatzungsmächte verstehen dies als Provokation. Dieses Notgeld wird indes bereits im Oktober, aber auch bis in den Dezember hinein aufgelegt.

Am 5. Dezember zieht das französische 169. Infanterieregiment in die Kaserne an der Preyerstraße ein. Eschweiler ist wieder Garnisionsstadt – unter französischer Militärverwaltung. Das entzieht revolutionären Bestrebungen die entscheidende Grundlage der Selbstverwaltung. Vor allem die Franzosen dulden die Selbstverwaltung durch Räte nicht. Sie setzen ganz und gar auf die Behörden, die ohne Selbstverantwortung Befehle ausführen. Der Arbeiter- und Soldatenrat in Eschweiler wird aufgelöst, aber auch die Bürgerwehr.
In Eschweiler wird indes der erste nachweisbare Ortsverein von Syndikalisten aus der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) (vor September 1918: Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften) im Kreis Aachen gegründet. Politisch handelt es sich um pazifistische Anarchisten, und 1919 organisieren sich solche auch in Streiffeld und bis 1921 auch in Aue, Röhe und Dürwiß, dann in Pumpe, Stich und Hastenrath und im gesamten Aachener Revier.

Die Besatzungsmächte – Belgier und Franzosen – werden bis zu ihrem Abzug 1929 eine deutliche Siegermentalität und Repressionspolitik an den Tag legen. Das erleichtert rechtskonservativen Kreisen, welche die Besatzer von Anfang an weiterhin als »Feinde« betrachten, das Erstarken des Nationalismus.
1919

Im Reich wird die Revolution versucht, Sozialdemokraten und reaktionäre Kräfte konterrevoltieren. Während linke Traditionen aus Wilhelminischer Zeit im Regierungsbezirk Aachen kaum nachweisbar sind, erleben linksradikale Parteien und Gewerkschaften hier nun einen Massenzulauf. Eine Welle mit fast 100 Streiks alleine 1919 zieht durch den Regierungsbezirk Aachen. Den Anfang in Eschweiler machen die Arbeiter in der Drahtfabrik (heute: Bushof): Am 21. Februar wird dort gestreikt, am 24. Februar in der Grube Reserve, am 17. März in der Erzgrube Diepenlinchen. Streikziele sind Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung. Der erste große Bergarbeiterstreik im Februar 1919 richtet sich gegen den Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV). Anlass ist, dass der EBV die Lohnzahlungstermine verschieben will. Der sozialdemokratische Verband der Bergarbeiter, der auf kompromissvolle Mäßigung setzt, vermutet hinter dem Streik »radikale Kräfte« und meint damit Kommunisten und Syndikalisten. Diese bilden örtlich Gewerkschaften zu Lasten der sozialdemokratischen und katholischen Arbeitervereine, die von diesen scharf bekämpft werden.

Im Juni lösen die Belgier die Franzosen als Besatzungsmacht in Eschweiler ab. Von November 1919 bis August 1921 wird indes das französische 1er Régiment Mixte des Zouaves et Tirailleurs, die sogenannten Marokkaner, als Militärmacht in der Stadt in der Infanteriekaserne stationiert.

Auf der Grundlage des am 30. November 1918 erlangten allgemeinen, freien und gleichen Wahlrechts wird am 14. Dezember 1919 der Stadtrat in Eschweiler gewählt. Erstmals dürfen sich auch Frauen an der Wahl beteiligen. Davon profitiert insbesondere die rechtskonservative Zentrumspartei; das Wahlverhalten der Frauen lässt sich daran bestimmen, dass diese andersfarbige Wahlzettel als die Männer erhalten. Für die Zentrumspartei werden 50 % aller Wählerstimmen abgegeben, die SPD erhält 31,8 %, die Mittelstandsvereinigung 8,5 % und die Freie Bürgervereinigung 7,3 %. Kommunisten und Anarchisten nehmen an der Wahl aus ideologischen Gründen nicht teil.
1920

Der rechtsgerichtete Kapp-Lüttwitz-Putsch am 13. März 1920 trifft im besetzten Rheinland auf geschlossene Ablehnung in der Arbeiterschaft, die die Reichsregierung und den von ihr verhandelten Streikaufruf unterstützt. Im Wurmrevier wird sofort gestreikt, in Eschweiler finden am 15. März Demonstrationen statt. Am Vormittag demonstriert die SPD, am Nachmittag demonstrieren die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), eine Abspaltung von der SPD nach deren Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag, und anarchistische Syndikalisten, die sich beim Besuch der Redaktion des Boten an der Inde auch gegen die sozialdemokratische Reichsregierung Ebert/Noske wenden, die »mit der Waffe in der Hand gegen Volksgenossen« vorgeht. USPD und Syndikalisten rufen im Gegensatz zur SPD zur Fortsetzung des Generalstreiks auf.

Am 2. Juni erschießen Soldaten des 1er Régiment Mixte des Zouaves et Tirailleurs den Fabrikarbeiter Jakob Koch und den Polizeiwachtmeister Karl Schmitz nahe des Hauptbahnhofs in Eschweiler. Die Schützen werden am 13. Oktober 1920 von der französischen Militärjustiz freigesprochen. In Eschweiler wird dies als besonders harter Fall der Repression aufgefasst.

Bürgermeister Carl Hettlage wird wegen öffentlicher nationalistischer Bekundungen von den Belgiern verhaftet und zu Gefängnis verurteilt. Am 31. August verliert er das Bürgermeisteramt, darf schließlich auf Vermittlung der Rheinlandkommission in das unbesetzte Reichsgebiet ausreisen und wird Vizeregierungspräsident in Münster. Später wird sein Sohn Karl Maria Hettlage, 1902 in Eschweiler geboren, mit den Nazis Karriere machen und ist als engster Mitarbeiter von Albert Speer an der Vertreibung Berliner Juden beteiligt. Er setzt seine Karriere nach dem Krieg in der Regierung Adenauer fort und erhält das Bundesverdienstkreuz.
Als Nachfolger von Carl Hettlage kommt Hubert Kalvelage von der rechtskonservativen Zentrumspartei am 14. November auf den Bürgermeisterstuhl (1920 - 1944), nimmt die Dienstgeschäfte jedoch erst am 15. Februar 1922 auf, da er wegen »nationaler Gesinnung« bei den Besatzungsmächten unerwünscht ist. Er ist derweil in Münster tätig und wird von den Beigeordneten, zuletzt von Adam Elsen vertreten.

Am 22. Dezember wird der Geschichtsverein für Eschweiler und Umgebung gegründet.
14. Juli 1921
Der Angestellten-Streik im Bergbau bricht aus und dauert offiziell bis zum 3. August an. Das Aachener Gewerbegericht bestätigt im Wesentlichen die im Zuge des Streiks ausgesprochenen Kündigungen durch die Arbeitgeber.
1922

Da die Lebensmittelnot weiter anhält, werden Hamsterfahrten von der Stadtverwaltung geduldet. Wem das Geld für Hamsterfahrt und Korruption fehlt, geht nun auf die Felder. Gegen derartige Feldfruchtsammlungen wird die Eschweiler Polizei eingesetzt.

Beim Tagebau »Zukunft« in Dürwiß treten 52 Mann der Belegschaft den anarchistischen Syndikalisten bei, in Eschweiler-Röhe bildet sich der Syndikalistische Frauenbund, dessen Erhebung indes ausgerechnet von einem Mann bekannt gegeben wird. Bis zur Einstellung der Betriebsratswahlen im Jahr 1923 mit der Besetzung des Ruhrgebiets erzielen die anarchistischen Syndikalisten überall im Wurmrevier quasi aus dem Stand heraus beachtliche Erfolge bei den Betriebsratswahlen und werden zu einer treibenden Kraft in der Arbeiterschaft.

Nach Unruhen in Köln, in deren Verlauf die Polizei mindestens vier Einwohner erschießt, kommt es am 16., 17. und 18. November auch zur Versorgungsrevolte in Eschweiler. In der Grabenstraße (Ort der Stadtverwaltung), Judenstraße und in der Rosenallee versammeln sich 5.000 bis 6.000 Menschen und Schaufenster des Einzelhandels gehen zu Bruch. Die Polizei tritt angesichts geringer Personalstärke passiv auf, bedient sich aber auch der Blankwaffe und wird schließlich von belgischen Truppen unterstützt. Die bürgerliche Presse spricht von »auswärtigen Elementen« als Krawallmacher. Dennoch werden in Eschweiler 250 Hausdurchsuchungen vorgenommen, etliche Verhaftungen und Verurteilungen. In der Sitzung des Stadtrats am 5. Dezember werden die Ereignisse kontrovers diskutiert. Bürgerliche Vertreter sprechen von »Verbrechergeist« und dass die Mehrheit der Bevölkerung es hinnehmen müsse, in Schaufenstern Waren zu sehen, die sie sich nicht leisten könne. Der Beigeordnete Schitthof und Sozialpolitiker weisen auf die unzureichende Versorgung mit Textilien für das Gros der Eschweiler Bevölkerung hin, infolge der Textilgeschäfte Anlass des Volkszorns gewesen seien. Außerdem seien unter den 56 sofort Verhafteten lediglich elf Personen von auswärts aus der nächsten Umgebung, nämlich acht aus Dürwiß, je eine aus Weisweiler, Alsdorf und Rheinbach.
Auch in der Arbeiterschaft der Grube »Reserve« und im Tagebau »Zukunft« kommt es zu Unruhe, die indes mit Abschlagszahlungen auf den Lohn beschwichtigt werden.
11. Jan. 1923
Belgische und französische Truppen besetzen das Ruhrgebiet, um die Fortsetzung von Reparationszahlungen des Deutschen Reichs zu erzwingen. Zum Abtransport der Reparationsleistungen werden Verkehrsmittel, insbesondere der Eisenbahn beschlagnahmt, was zu einer Verschärfung der wirtschaftlichen Lage im Aachener Revier, die ohnehin durch die Zollgrenze am Rhein infolge der Besatzung beschwert ist, führt. Es kommt schließlich zur Massenarbeitslosigkeit. Die Reichsregierung ruft zum passiven Widerstand auf. Die örtlichen Gewerkschaften nehmen eine differenzierte Haltung ein, woraus die Besatzungsmächte durch Spaltung der Arbeiterschaft versuchen, Kapital zu schlagen. Die Besatzung und die Massenarbeitslosigkeit befördern ein erneutes nationalistisches Aufputschen der Arbeiterschaft, insbesondere durch die sozialdemokratischen und die katholischen Gewerkvereine. Die Ruhrhilfe der sozialdemokratischen Reichsregierung wird durch die sozialdemokratische Gewerkschaft ausbezahlt – die Arbeiter, die in linken und antinationalistischen Gewerkschaften organisiert sind, werden von den Unterstützungsleistungen ausgenommen. Die Belgier versuchen, die Ruhrhilfe zu beschlagnahmen.
August 1923
Infolge der Inflation, eine Antwort der Reichsregierung auf die Reparationsverpflichtungen Deutschlands an die im Krieg verwüsteten Länder, kommt es zu Geldmittelknappheit. Löhne an die – zudem von der Massenarbeitslosigkeit bedrohten – Arbeiter werden daher nicht gezahlt. Hinzu tritt eine einerseits künstliche Lebensmittelverknappung, hervorgerufen durch die Inflation und damit durch die Kaufkonkurrenz aus den Grenzländern mit stabilen Währungen. Andererseits hat das Jahr 1922 mit einer Missernte aufgewartet. Arbeiter verlangen daher Waren zu herabgesetzten Preisen; ein Lebensmittelhändler in Aachen übergießt seine Bestände mit Säure, damit er diese nicht »unter Preis« an hungernde Arbeiter verkaufen müsse. Überall im Regierungsbezirk Aachen kommt es nun zu Hungerrevolten der arbeitenden Bevölkerung. Die Lebensverhältnisse der Arbeiter galten bereits in der Vorkriegszeit als unwürdig und in Eschweiler hausen Arbeiterfamilien in Ställen. Dennoch richtet die Polizei am 13. August in Aachen ein Blutbad unter Demonstranten an und schießt diese auch von hinten nieder. Als Alsdorfer Arbeiter davon erfahren und spontan demonstrieren, werden mindestens 13 Arbeiter in Alsdorf von der Polizei erschossen und etliche, die Angaben in der bürgerlichen Presse schwanken zwischen 40 und 100, schwer verletzt. Auch in Stolberg wird vor dem Gebäude des Industrieverbands demonstriert. In Alsdorf ist die Eschweiler Polizei beteiligt und bürgerliche Verwaltung und Presse stellen die »vieltausendköpfige Menge« als »Plünderer« dar, welche die »Gendarmerie bedrohen«. Später werden Demonstranten von der Justiz als Landfriedensbrecher verurteilt. Die Ermordungen durch die Polizei werden nicht aufgeklärt. Vielmehr »verhütet« auch wieder die Eschweiler Polizei »Ausschreitungen«, als die Ermordeten beigesetzt werden. Vom 14. bis 18. August kommt es daraufhin zu Unruhen in Eschweiler, zunächst in Röthgen, die von der Polizei und durch die Verfügung von Ausgangssperren niedergehalten werden.
Unter diesem Eindruck wird am 14. August in Eschweiler die Notgemeinschaft unter Vorsitz des Beigeordneten Schitthof gegründet. Landwirte der Umgebung als auch die Einzelhändler in der Stadt erklären sich bereit, bei der Preisbemessung nun auch Entgegenkommen für die Not des Bevölkerungsgros zu zeigen, und lassen sich vom Landkreis kreditieren. Der Kreis Aachen und seine Kommunen, darunter auch Eschweiler, geben erneut nach 1915 und 1918 Notgeld aus. Diesmal jedoch nicht wegen Metallknappheit und auch nicht in Pfennigsbeträgen: Diesmal sind es infolge der Hungersnot indes wertlose Millionen-, Milliarden- und gar Billionenbeträge, da der Wert der einzelnen Mark um ein Millionfaches gesunken ist und der morgens ausgezahlte Lohn am Abend kaum noch Kaufkraft hat. Die Städte Eschweiler und Stolberg geben gemeinsam das Notgeld aus.
Oktober 1923

In der Woche vom 8. bis zum 15. Oktober kommt es erneut zur Hungerrevolte in Eschweiler. Entgegen des Versammlungsverbot des Landrats versammeln sich »tausende Menschen« vor allem in der Grabenstraße vor der Stadtverwaltung. Die Polizei unter Polizei-Inspektor Schreiber geht am 13. Oktober und erneut am 15. Oktober mit Schusswaffen und Säbeln in breiter Front und rücksichtslos auch gegenüber Unbeteiligten gegen die Bevölkerung vor. Der Eschweiler Anzeiger, der vor allem zu Frömmigkeit und Gebet ermahnt, erklärt die Revolte als Folge linkspolitischer »Hetze«, und, dass Randalierer sich verabredet hätten. Die Polizei werde gegen künftige Menschenansammlungen sofort mit aller Härte rücksichtslos vorgehen, Unbeteiligte seien insofern vorgewarnt und begäben sich auf eigenes Risiko außer Haus. Die städtischen Eliten verabreden erneut nach 1918 die Gründung eines »Selbstschutzes«, der die Polizei unterstützen soll.

Am 16. Oktober hissen Sonderbündler (oder auch: Separatisten, Freibündler) auf dem Haus Neustraße 43 in der Eschweiler Innenstadt die grün-weiß-rote Fahne der Rheinischen Republik (heutige Landesfarben von NRW). Schon im Ende des 19. Jh. ist die Loslösung des Rheinlands von Preußen politisches Thema. Nach ihrem Eintritt in die Reichsregierung schiebt die rechtskonservative, katholische Zentrumspartei ihre diesbezügliche Forderung jedoch auf die lange Bank. Auf dem Höhepunkt der Inflation 1923 wird aus bisher marginaler separatistischer Sektiererei spontan ein ernsthafter Eingriff in das politische Geschehen. Seit dem 21. Oktober kommt es in den Besatzungsgebieten westlich des Rheins zu teils gewaltsamen Umstürzen auf den Rathäusern. Die Besatzungsmächte, voran Frankreich betrachten die Rheinische Republik gegen den Widerstand der Reichsregierung als legitim. Am 22. und 23. Oktober versuchen Sonderbündler auch in Eschweiler einen Rathaus-Putsch. Sie scheitern indes am Wiedererstarken des deutschen Nationalismus, begünstigt durch das repressive Auftreten der Besatzer, und dem von der staatlichen Verwaltung unter dem Beigeordneten und kommissarischen Bürgermeister Elsen organisierten »Selbstschutz«. Schließlich gibt auch die in der Bevölkerung ungeliebte belgische Besatzungsmacht am 2. November auf Druck der Briten nach und weist die Separatisten aus Eschweiler aus. Aus den Reihen ehemaliger Genossen der Anarcho-Syndikalisten gibt es Unterstützung für die Separatisten. Die Freie Arbeiter-Union distanziert sich zwar, weil jede Staatsgründung ihrer idealistischen Überzeugung zuwiderläuft, wird jedoch im Zuge nationalistischen Aufputschens erfolgreich als Landesverräter und »Belgierfreunde« diffamiert. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wird nun zum alleinigen Machtzentrum im linkspolitischen Spektrum in Eschweiler und Umgebung.

Josef Friedrich Matthes, der als Ministerpräsident der Rheinischen Republik gegolten hat, wird 1943 im KZ Dachau von SS/Polizei ermordet.
1924

Am 7. Januar eröffnet die Stadtverwaltung u.a. mit Hilfe des Roten Kreuzes wieder die Massenspeisung. Bis Ende März werden täglich 450 Literportionen ausgegeben. Im letzten Quartal des Jahres erreicht die Massenspeisung die Ausgabe von 1300 Literportionen täglich. Den Selbstkostenpreis von 25 Pfennigen kann keiner der Bezieher aufbringen. Ab Dezember gibt die Stadt keine Portion mehr unter 15 Pfennigen aus. Daraufhin geht die Zahl der Empfänger drastisch zurück.

Aus der Stadtratswahl am 4. Mai geht die rechtskonservative katholische Zentrumspartei mit 48,8 % der abgegebenen gültigen Wählerstimmen nochmals und nochmals durch die Unterstützung der Frauen (Frauen und Männer bekommen andersfarbige Wahlzettel) als klare Wahlgewinnerin hervor. Es folgen: KPD 20,4 %; Bürgerblock 12,6 %; SPD 10,7 %; Arbeitnehmerliste 5,7 %. Die Anarchisten nehmen auch an diesen Wahlen nicht teil.

Der Eschweiler Bergwerks-Verein übernimmt das Röhrenwerk und gliedert es als Ermag seiner Hüttenabteilung ein.
1925
Eschweiler ist Austragungsort der 1000-Jahr-Feier des Rheinlandes im Landkreis Aachen.
1926

Die Arbeitslosenquote in Eschweiler liegt ständig über dem Mittelwert im Reich und erreicht nun einen Spitzenwert. Die Landesregierung etabliert den Spruch, »die Polizei – dein Freund und Helfer«, der sowohl rückwärts auf 1923 als auch vorwärts auf 1933 gewandt die Frage aufwirft, wer mit »dein« gemeint ist.

In Eschweiler treten nun auch Nazis in Erscheinung.

Die Kokerei bei der Grube Reserve des Eschweiler Bergwerks-Vereins (EBV) wird erneuert.
Der luxemburgische Stahlkonzern ARBED übernimmt 90 % des Aktienkapitals am EBV.
1927
Die Aachener Bergmanns-Siedlungsgesellschaft errichtet in Eschweiler-Ost an der unteren Dürener Straße neben dem dort 1903 abgeteuften Wetterschacht die Kolonie Wetterschacht. Hier wird im Sinne von Werbungskosten Wohnraum für Bergarbeiter der Grube Reserve, die vom Eschweiler Bergwerks-Verein gehalten werden wollen, geschaffen. Im Übrigen werden für die Grube Reserve meist Ungelernte aus Polen und der slowenischen Steiermark, aus Lothringen, dem Saarland, Westfalen und der Pfalz angeworben.
17. Mai 1928
Eröffnung eines Heimatmuseums durch den Geschichtsverein für Eschweiler und Umgebung.
1929

Das Recht auf Arbeitslosen- und Krisenunterstützung wird eingeschränkt.

Am 5. November zieht die Besatzungsmacht ab. Der Abzug wird mit einer Befreiungsfeier und Freudenfeuern rund um die Stadt begleitet.

Aus der Stadtratswahl am 17. November geht die Zentrumspartei zwar erneut als stärkste politische Kraft, aber auch größte Verliererin der Wahl hervor: Sie kann nur noch 29,3 % der Wählerstimmen gegenüber 48,8 % aus den letzten Wahlen auf sich vereinigen. Es folgen die KPD mit nahezu unverändert gegenüber den letzten Wahlen 20,5 % und demgegenüber wieder abgeschlagen, jedoch mit leichter Verbesserung die SPD mit 12,2 %. Die Wahlvereinigung Handwerk und Gewerbe erzielt 17,7 % und wird drittstärkste Kraft im Stadtrat. Auf eine Arbeitsgemeinschaft entfallen 6,8 % und auf die Reichspartei des deutschen Mittelstands 5,5 % der Wählerstimmen. Die Anarchisten, die sich zwar aus ideologischen Gründen an keiner Wahl zu einer staatlichen Einrichtung beteiligen, haben jedoch seit der Verstrickung einiger ihrer ehemaligen Genossen in die Separatistenbewegung unter der Propaganda gelitten und in der Gewerkschaftsbewegung deutlich an Einfluss eingebüßt. Die Nazi-Partei NSDAP hat aber in Eschweiler eine Ortsgruppe gegründet, zunächst unter Karl Reuter (1932: SS), dann unter Oskar Sonderkamp. Bei den Wahlen zum Eschweiler Stadtrat erreicht sie 1,02 %.

Am 1. Dezember findet die zentrale Feier zum Ende der Besatzung im Rheinland in Eschweiler statt, da Eschweiler die einzige Gemeinde im Kreis Aachen gewesen ist, die unentwegt über die elfjährige Besatzungszeit Truppen aufzunehmen hatte.
Bearbeitung: Haro von Laufenberg

Landsturmmänner der 11. Kompagnie des Landsturm-Infanterie-Regiments Nr. 8 mit – vermutlich – Ehefrauen vor der Dürener Straße 76 (Feldpostkarte v. 22. Mai 1915)

Lebensmittel-Gutschein der Stadt Eschweiler über 25 Pfg., 1915 recto (Bild: Moneypedia, Lizenz)

Kassengutschein der Stadt Eschweiler vom 1. November 1918 über 25 Pfennige, recto, ausgestellt vom Bürgermeister Hettlage

Kassengutschein der Stadt Eschweiler vom 1. Dezember 1918 über 50 Pfennige, verso

Flanieren auf der Eschweiler Grabenstraße 1920, im Hintergrund: Angehörige der belgischen Besatzungstruppe

Arbeiterkolonne bei Gleisarbeiten im Tagebau der Braunkohlen-Industrie-Aktiengesellschaft (BIAG) »Zukunft« a1920

»Catwalk« a1920 in der Eschweiler Grabenstraße

Gemeinsames Notgeld der Städte Eschweiler und Stolberg 1923, höchster ausgegebener Wert: 50 Billionen Mark. Solcherart Scheine wurden verso aus Kostengründen nicht mehr bedruckt.

Familie Philipp Köpp mit Ford T-Modell, 1924 auf der Eschweiler Grabenstraße vor dem Haus von Dr. Bartz

Blick in die Marktstraße in Eschweiler am 2. August 1925 bei der 1000-Jahr-Feier Rheinland

Knickertsberg am 2. August 1925 bei der 1000-Jahr-Feier Rheinland

Aufzug zum Schützenfest der katholischen St.-Sebastianus-Bruderschaft, 1925

Pfeifen- und Tabakwarenhandlung Peter Görres in Eschweiler, Dürener Straße 62, zwischen 1920 und 1930 (Foto Q.: F. P. Burlet)

Hof Dolfen an der Oberstraße in Hehlrath, 1930; Abriss 1969, heute: Altenheim (Foto Q.: Nikolaus Müller)

Katholische Prozession auf der Dürener Straße, Fronleichnam?, etwa zwischen 1920 und 1930

Grube »Reserve« in Nothberg a1930 (Postkarte). Gesehen von einem Standpunkt zwischen der Straße Am Omerbach und Hohe Straße. Im Vordergrund an der Halde die Arbeitersiedlung »Neue Kolonie Nothberg«. (Bildbeschreibung: Werner Karasch)

Gleisarbeiten am Straßenbahnpunkt Eschweiler Dreieck, um 1930

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